Freude

Heute morgen bin ich wieder an dem Plakat vorbei gekommen. Es hängt an einer dieser Bäckereiketten-Bäckereien. Oder besser: An einem Point-Of-Sale, dessen Einrichtung auch die Durchführung des letzten Produktionsschritts vom Rohling zur verkaufsfertigen Teigware ermöglicht, sodass der Kunde das „Brötchen aus dem Ofen holen“ immerhin mitansehen kann (was in „echten“ Bäckereien nicht selbstverständlich ist).
Zurück zum Plakat. Darauf liegen sich drei Männer, bei denen es sich vermutlich um Fachleute des Bäckereigewerbes handeln soll, freudestrahlend in den Armen. Worüber sie sich freuen, steht da (glaube ich) nicht. Wären sie in T-Shirt und Jeans gekleidet und würde das Plakat an einem Getränkemarkt hängen, könnten man vermuten, dass sie sich über das Erfolgreiche Endspiel einer deutschen Mannschaft in einer WM freuen.
Meine Vermutung ist allerdings, dass sie sich die Herren über ihr eigenes Produkt, also ein Brötchen oder ein Brot oder einen Kuchen, freuen. Genauer gesagt, über dessen Gelingen.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Leute, die sich an dem, was sie produzieren erfreuen. Aber als Werbung erscheint mir sowas untauglich.
Ich stelle mir vor, dass ich Licht im meinem Wohnzimmer installiert haben möchte. Ich rufe also einen Elektriker. Der steht auch prompt am kommenden Tag vor der Tür. Nachdem ich ihm erklärt habe, wo die Lampe und der zugehörige Schalter installiert werden sollen, verziehe ich mich in die Küche.
30 Minuten später höre ich dann wildes Gejohle aus dem Wohnzimmer. Ich sehe nach. Der Geselle tanzt wie wild um meinen Wohnzimmertisch. Dann bemerkt er mich, tänzelt auf mich zu. Ich sehe seine Freudentränen während er mich zum frischinstallierten Schalter zerrt.
„Schau mal!….“ (Klack. Licht geht an) „Ist dass nicht geeeiiiilll?…“ (Klick. Licht geht aus) „… das ist doch der Hammer, oder?!?!“ (Klack, an, Klick, aus. Klack, an. Klick, aus. Klack, an).
Ich nicke ihm zu. „Los! Probie auch mal!“ Aber ich lehne ab. Meine Hände seien schmutzig und der Schalter sei ja neu. Eine bessere Ausrede wird mir in der Situation kaum einfallen. Sobald er meine Wohnung verlassen hat, drehe ich Wohnzimmer-Sicherung raus und rufe einen anderen Handwerker des gleichen Fachs zwecks Überprüfung der Installation.
Wenn ich mich freue, dass ein von mir gebackenes Brot gelingt, habe ich einen Grund zur Freude, weil dabei auch Glück im Spiel ist. Aber von einem Bäcker, dem ich vertrauen soll, erwarte ich, dass er wenigstens den Eindruck erweckt, Erfolg sei für ihn selbstverständlich (wenn es ums Backen geht).