Innovation

Ein Blatt Klopapier ist 14cm lang und 10cm breit. Auf einer Rolle befinden sich 200 Blätter. Macht 28 Meter Klopapier pro Rolle. Wenn man 10 Rollen für 3 Euro kauft, bekommt man 100 Meter für etwa einen Euro. Format und Dareichungsform haben sich im Prinzip nie verändert. Es ist ein ziemlich perfektes und extrem günstiges Produkt.

In einer Welt ohne Menschen stünden einfach auf jedem Spülkasten oder neben der Kloschüssel zwei bis drei Rollen Klopapier. Eine für den aktuellen Verbrauch und eine als Reserve, weil man ja, wenn man das Örtchen aufsucht, selten die Zeit hat, erstmal die Utensilien zu überprüfen oder ggf. normal ins Cafe zurückzuhasten um den Kellner zu bitten, Papier nachzulegen.

Der Durchmesser einer Klorolle beträgt übrigens etwa 11 cm. Damit ist die Klorolle das Gegenteil eines Oktoberfestbesuchers: Im vollen Zustand ziemlich standfest. Man kann sie ohne weiteres Zutun im Sanitärbereich deponieren ohne Angst haben zu müssen, dass sie sich von selbst wegbewegt.

Übrigens habe ich auch noch nie gehört, dass der unangemessene Gebrauch von Klopapier zu Verletzungen oder Erkrankungen geführt hätte. Auch dies ein hinweis darauf, dass dieses Produkt ziemlich perfekt ist.

Wenn man dem Klopapier überhaupt eine Schwachstelle ankreiden wollte, dann die Unfähigkeit, sich gegen die Innovationskraft des Menschen zu wehren.

Das geht ja schon beim einfachen Klorollenhalter los. Wobei „einfach“ hier nicht ganz richtig ist. Die meisten Klorollenhalter geben das Wischmaterial nur dann in gewünschten Portionen her, wenn man mit einer Hand den Deckel des Halters kontrolliert während man mit der anderen am Papier zieht. Man braucht also beide Hände. Und man muss sich, je nach dem, wo der Halter an die Wand gedübelt wurde, ziemlich verrenken.

Allerdings ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Halter höhenverstellbar zu machen. Vielleicht würden nicht mehr so viele Menschen über Verspannungen klagen, wenn sie sich nicht täglich beim Papierportionieren überdehnen würden.

Derartige „einfache“ Halterungen sind aber heute auch immer seltener zu finden. Die Innovation hat sich aufgeteilt und geht in zwei Richtungen:

Zum einen gibt es heute Riesenklorollen. Die haben einen Durchmesser von 30 oder 40 Zentimetern und sind in einer verschlossenen Metalldose untergebracht. Ich frage mich, wie viele Menschen auf die Idee kommen, Klopapier zu klauen. Ich kann mir nicht vorstellen, mit einer Rolle in der Größe eines Reserverads vom Klo zum Ausgang eines Cafes zu schleichen. Trotzdem muss die Dose abgeschlossen sein. Und es gibt natürlich keine Reserve. Also gibt es zwar seltener Situationen, in denen man hilflos auf dem Klo sitzt, weil man nach der Verrichtung feststellt, dass einem für einen sauberen Abschluss das Papier fehlt. Aber die Situationen kommen vor. Und aufgrund ihrer Seltenheit ist man psychisch noch schlechter vorbereitet und fühlt sich am Ende noch hilfloser.

Die zweite Variante sind große Behälter aus transparentem Kunststoff, in denen drei normale Rollen enthalten sind. Außerdem gibt es noch einen Mechanismus zur Rollenwahl. Leider ist es aber so, dass die Behälter sehr wiederspenstig sind, wenn man ans Papier will. Auch nicht schön: Man sitzt da und sieht das Papier im inneren des Behälters, kommt aber nicht ran.

Demütigender geht es kaum. Es sei denn, der Besitzer des Sanitärbereichs ist Sparfuchs. Dann hat er im Vorraum des Klos Bewegungsmelder angebracht, die dazu führen, dass man irgendwann auch noch im Dunklen sitzt.

Wenn es soweit ist, kann man die Stille und die Abgeschiedenheit nutzen, um einmal darüber nachzudenken, ob wirklich jede Innovation ein Fortschritt ist.