Bett oder Bottich

Nachdem wir in Hamburg gelandet waren, entschied ich mich, doch kein Taxi nach Hause zu nehmen und stattdessen – noch einmal – gehen. Nur 6 km. Aber immerhin. Ich hatte den Eindruck, das zu brauchen. Und billiger war es auch.
Ich bin mit viel Energie nach Hause gekommen. Ich war nicht fertig und erschöpft. Die täglichen Wanderungen haben mich nicht ausgelaugt.
Natürlich hatte ich auch Glück: Das Knie, dass ich mir vor der Reise kaputt gemacht hatte, schmerzte zwar – aber selten während der Wanderung. Eher in der Nacht. Ich hatte nie Blasen an den Füßen. Alles war gut.
Jeden Tag sind wir in eine neue Stadt gekommen. Haben neue Landschaften gesehen. Aber die Routine war jeden Tag die gleiche. Aufstehen. Rucksack packen. Die Herberge verlassen. Losgehen. Nach ein paar Kilometern ein Café fürs Frühstück suchen. Dann weitergehen. Vielleicht noch eine Pause. Dann Ankommen und eine Unterkunft suchen. Es war eine schöne Routine. Sicher war es körperlich ungewöhnlich anstrengend. Aber nie übertrieben.
Hinzu kam nach einigen Tagen der schöne Effekt, dass man zwar mittags in einen unbekannten, neuen Ort kam, aber zunehmend bekannte und freundliche Gesichter sah.
Was der Körper mehr leisten musste, durfte der Kopf weniger leisten. Wir mussten so gut wie nie in Karten gucken. Die Strecke war hervorragend ausgeschildert. Es ging immer von einem Wegweiser zum Nächsten. Klare, deutliche Wegweiser.
Für meinen Kopf war es unheimlich erholsam, ein klares Ziel zu haben. Selbst wenn wir statt der geplanten 20km nur 10km gegangen wären, wären wir diese 10km doch immerhin in die richtige Richtung gegangen. Im (beruflichen) Alltag ändern sich Pläne zu oft. Wenn man statt der 20km 30km gelaufen ist und am nächsten Tag erfährt, dass es doch nicht nach Norden sondern nach Osten gehen soll, ist das zermürbend.
Beim Wandern kannte ich den Weg zwar vorher nicht. Aber ich kannte das Ziel und wusste, dass ich dem Ziel stets näher käme solange ich den Pfeilen folge.
Die zwei Tage in Santiago de Compostela empfand ich dagegen eher als anstrengend. Wir erreichten unser Ziel an Christi Himmelfahrt gegen 11 Uhr. Um 12 Uhr sollte eine Messe stattfinden, in welcher auch der berühmte Weihrauchbottich geschwungen werden sollte. Ich bin auch in die Kirche gegangen und habe mir einen Platz gesucht. Verschwitzt, wie ich war, habe ich gefrohren – und bin vor Beginn der Messe wieder raus. Es tat mir nicht leid. Ich habe nicht nur gefrohren. Mir ging das alles auch zu schnell. Ich empfand Hektik.
Statt in der Kirche auf den Weihrauch zu warten, habe ich mir meine Unterkunft gesucht – und hatte anschließend eine Sorge weniger. Dann bin ich in aller Ruhe und ohne Sorgen um die Kathedrale geschlendert. Habe mir die Leute angesehen. Das habe ich gebraucht! Ruhe. Stille. Mein oberstes Bedürfnis war nicht der Weihrauchschwenker sondern das Wissen, ein Bett zu haben.
Ich habe mir auch die Leute angesehen, die die Messe besucht haben. Die nach Sitzplätzen gejagt haben. Die unbedingt in der Einflugschneise des Botafumeiru sitzen wollten. Ich finde das OK. Trotzdem war mir eine Unterkunft wichtiger.
Während einer Führung am Abend wurde auch das Thema „Vertrauen“ aufgegriffen, dass für Pilger immer auch von Bedeutung sei. Da ging es auch um die Erfahrung, dass im „richtigen Moment“ von irgendwo Hilfe herkommt. Uns ging es da nicht anders. Wir haben auch hier und da überraschend Hilfe bekommen. Hilfe, von der wir einmal nicht mal wussten, dass wir sie brauchten. Klar ist Vertrauen ein Thema. Und Vertrauen fällt mir nicht leicht. Ich denke aber auch, dass Vertrauen nicht bedeutet, dass man sich nicht kümmert. Ich wollte ein Bett. Und ich wollte nicht irgendeins. Es sollte günstig und gut sein. Und mir war in dem Moment das Bett wichtiger als die Messe. Die Stadt sollte voll werden und ich hätte mir nicht vorstellen können, einfach so bis 5 Uhr abends mit der Suche zu warten und dann den perfekten Unterschlupf zu finden.
Eine Unterkunft hatte ich schnell gefunden. Nicht ganz billig. Aber gut und schön gelegen. Damit war ich meine Sorge los. Ich glaube, Dinge zu erledigen, ist eine gute Art, Sorgen loszuwerden. Das oft zitierte „Loslassen“ ist eine gute Übung für Momente, in denen man eh nichts machen kann. Wenn ich noch 20km vor mir habe, ist es gut, wenn ich mich noch nicht mit der Frage plage, wo ich die Nacht verbringen werde. Wenn ich in der ersten Herberge abgewiesen werde und mich sofort meinen Schlafsack in einer Bushaltestelle ausrollen sehe, ist es ein guter Zeitpunkt, um loszulassen.
Loslassen sollte ich vielleicht auch, wenn es mal allzu gut läuft. Wenn ein Tag richtig gut war und alles nach meinen Wünschen lief und ich davon fantasiere, wie die nächsten Tage einfach paradiesisch werden, kann immernoch der Hund des Hauses um die Ecke kommen, mich mit seinem Blick hypnotisieren und mir dann das Döschen mit meinem einzigen Paar Ohrstöpseln auffressen.
Ja, in den letzten Tagen auf dem Camino habe ich Wert darauf gelegt, vor 13 Uhr anzukommen, weil ich wusste, dass die öffentlichen Herbergen um 13 Uhr öffnen. Ich stand dann meistens nicht alleine vor der Tür. Vielleicht hatte ich mehr Angst als andere, kein Bett zu bekommen. Vermutlich hat man mir das sogar angesehen.
Aber auch vor den Toren der Herbergen habe ich Erstaunliches erlebt. Ich kam mal als zweiter nach einem Östereicher an, setzte mich aber abseits in den Schatten, weil die Sonne unerträglich brannte. Anschließend füllte sich der Platz. Als das Tor nicht um Punkt 13 Uhr geöffnet wurde, kam allgemeine Unruhe auf. Als das Tor dann geöffnet wurde, ging aber niemand rein. Die Wartenden bestanden darauf, dass der Östereicher und ich vorgingen. Und es war nur das Tor zum Hof der Herberge.
Das war eine ganz andere Erfahrung als ich erwartet hatte. Und es war auch ein bisschen beschämend zu sehen, wie unberechtigt mein Mißtrauen gewesen war.
Die Wanderschaft hat aus mir keinen anderen Menschen gemacht. Es gibt weiterhin Dinge, die ich sofort „in trockenen Tüchern“ sehen möchte – auch wenn es vielleicht nicht nötig wäre. Aber es ist auch schön, zu sehen, dass Dinge manchmal besser laufen als erwartet.
Auf dem Weg nach Santiago de Compostella habe ich viele Dinge laufen lassen, die mir nicht so wichtig waren oder bei denen ich keine Zweifel hatte, dass alles gut wird. Das hat mir Energie gespart. Es hat mir aber auch Energie gespart, Vertrauen nicht „zu erzwingen“ wo ich es einfach nicht hatte. Auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte.