Ampel

In den letzten Monaten habe ich wenig geschrieben. Aber ich hatte Zeit, mir andere Blogs anzusehen. Dabei habe ich einiges gelernt. Blogs sind nicht deshalb interessant, weil die AutorInnen gut schreiben können sondern weil die AutorInnen Dinge erleben.
Das ist mir jetzt klar geworden. Und weil ich endlich mal wieder schreiben wollte, bin ich heute aufs Klo gegangen. Selbstverständlich nicht auf mein eigenes. Darüber würde ich nur in einer geschlossenen Facebook-Gruppe unter Pseudonym schreiben. Es war ein quasi-öffentliches Klo.
Zwei Kabinen. Eine für Herren. Eine für Damen. Das Herrenklo war besetzt. Ich hatte es eilig. Früher hatte meine Blasenampel die Lampen grün, gelb und rot. Grün und gelb sind inzwischen kaputt. Die Vorwarnung fällt mehr oder weniger weg. Wenn erfahre, dass ich muss, ist es bereits eilig. Also stand ich da in meiner Not vor der verschlossenen Tür und wartete. Verblüffend lange. Soweit mir Verblüffung in dieser von Dringlichkeit durchdrungenen Situation möglich war.
Dann, nach unendlich langer Zeit, ging die Tür auf. Eine Dame kam aus der Kabine, murmelte irgendwas von „war eilig“, und verschwand sogleich wieder. Diesesmal auf dem Damenklo. Fast hätte ich in diesem Moment vor halbempörtem Staunen meine Schließmuskeln entspannt. Zum Glück ist das nicht passiert. Ich bin auf dem Klo verschwunden und habe mich dem wohltuenden Gefühl hingegeben, dass sich einstellt, wenn die rote Lampe langsam erlischt.
Erst dann fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, mir das Gesicht meiner Vorsitzerin zu merken um sie nachher im rein übertragenen Sinne anzufurzen. Ich war verärgert. Ich hatte in höchster Not vor einer verschlossenen Tür gestanden, weil ich aufs richtige Klo wollte und konnte nur deshalb nicht, weil einem anderen Menschen genau diese Regel – in diesem Fall wörtlich – scheißegal gewesen war.
Ich habe mich immer schon ungerecht behandelt gefühlt. Und jetzt, nach 45 Jahren, hatte ich den Beweis für die Richtigkeit meines (Unter-)Bauchgefühls. Auf die nächste Chance muss ich vermutlich weitere 45 Jahre warten. Alleine das ist schon unfair.
Ich hatte mich nicht rechtzeitig aufgeregt und jetzt war es zu spät dafür. Das bringt mich auf das Thema Hupen:
Vermutlich gibt es die Hupe, seit es Autos gibt. Und früher war die Hupe sicher sinnvoll. Fahrgestelle hatten mehr mit einer Pferdekutsche gemein als mit einem Formel-1-Bolliden. Bremsen, die ihren Namen verdienten, gab es nicht. Man fühlte sich, als würde man eine Hafenbarkasse steuern – nur dass der Bremsweg dem eines Tankers glich. Da konnte man durchaus Leben retten, wenn man mit der Pressluft-Tröte den Menschen vor einem signalisierte, dass es das beste sei, die Straße jetzt gleich zu räumen. Hupen konnte(n) Leben retten.
Heute stimmt das nicht mehr. Im Gefahrenfall gibt es eine Menge Möglichkeiten. Ausweichen. Bremsen. Das letzte Selfie seines Lebens schießen. Aber Hupen ist vollkommen sinnlos. Zumal in den Ohren derer, die zur falschen Zeit am falschen Ort auftuachen, meistens auch sehr gute In-Ohr-Kopfhörer stecken.
Wenn ich heute eine Hupe höre, weiß ich: Entweder habe ich versehentlich beim Rechtsabbiegen die Geschwindigkeit auf unter 48,5 km/h reduziert und so der mit ihrem Stadtgeländewagen auf meiner Stoßstange hängenden Nachwuchsmutter ihren enggetakteten Tagesentwurf zerstört oder hinter mir rauscht gerade eine Hochzeitskolonne heran, die, wenn ich mich nicht beeile, überholen und die folgende Kreuzung vor meinem Eintreffen zu einer Tanzfläche umfunktionieren wird.
Ansonsten heißt das Schallsignal meistens nicht „Vorsicht Gefahr!“ sondern „Hey du Depp! Wenn ich gerade nicht aufgepasst hätte, hätte es geknallt!“
Kurzum: Hupen sind heute eigentlich überflüssig. Wenn gehupt wird, ist es entweder Nötigung. Oder es ist schon zu spät. Und damit wäre ich wieder bei der Blasenampel.